Diesel teurer als Benzin: Warum der Blick auf den Rohölpreis in die Irre führt
Seit Mitte Juli kostet Diesel an deutschen Tankstellen mehr als Super E10 – obwohl Diesel steuerlich um rund 20 Cent begünstigt ist. Unsere Panel-Daten zeigen, dass der Preisdruck nicht aus dem Rohölpreis kommt, sondern aus dem Dieselmarkt selbst.
Im Juni war die Welt an der Zapfsäule noch normal: Diesel war durchgehend billiger als Super E10, zeitweise um bis zu 8 Cent. Seit Mitte Juli hat sich das gedreht. In unserem Preis-Panel liegt Diesel inzwischen rund 2,8 Cent über E10 – ein Verhältnis, das der Steuersystematik widerspricht und das es zuletzt in Ausnahmesituationen gab.
Die interessante Frage ist nicht, dass beide Kraftstoffe teurer geworden sind. Das ist offensichtlich. Die interessante Frage ist, warum sich die beiden Sorten auseinanderbewegen. Denn genau darin steckt die Antwort auf eine Debatte, die derzeit schief läuft.
Der Befund: Vorzeichenwechsel Mitte Juli
Wir werten kontinuierlich ein Panel von rund 430 Tankstellen aus. Für den Sortenvergleich nutzen wir die 409 Stationen, die sowohl E10 als auch Diesel melden. Der Abstand zwischen beiden Sorten – wir nennen ihn hier Spread, also Diesel minus E10 – entwickelte sich seit Anfang Juni so:
| Datum | E10 | Diesel | Spread |
|---|---|---|---|
| 01.06. | 1,924 € | 1,887 € | −3,8 ct |
| 23.06. | 1,812 € | 1,731 € | −8,1 ct |
| 30.06. | 1,927 € | 1,870 € | −5,7 ct |
| 01.07. | 2,027 € | 1,974 € | −5,4 ct |
| 09.07. | 2,070 € | 2,027 € | −4,3 ct |
| 14.07. | 2,093 € | 2,084 € | −0,9 ct |
| 15.07. | 2,130 € | 2,150 € | +2,1 ct |
| 18.07. | 2,114 € | 2,142 € | +2,8 ct |
Diesel minus E10, Tagesmittel über 409 Tankstellen mit beiden Sorten. Negativer Wert = Diesel billiger.
Der Nulldurchgang liegt zwischen dem 14. und 15. Juli. Wichtig für die Einordnung: Das war kein plötzlicher Bruch, sondern das Ende einer Annäherung, die seit Anfang Juli lief. Am 14. Juli lag der Abstand mit −0,9 Cent bereits praktisch bei null. Diesel hat E10 nicht an einem Tag überholt – Diesel zieht seit Anfang Juli kontinuierlich schneller an.
Die Größenordnung: Vom 8. bis zum 18. Juli verteuerte sich Diesel in unserem Panel um rund 12 Cent, E10 nur um rund 7 Cent.
Warum das nicht am Rohölpreis liegen kann
Der naheliegende Verdacht wäre der Ölpreis. Nordsee-Rohöl stieg nach dem Bruch des Waffenstillstands im Iran-Konflikt am 7. und 8. Juli von rund 68 auf 77 Dollar je Barrel. Das erklärt zweifellos einen Teil des allgemeinen Preisanstiegs.
Aber es erklärt die Spreizung nicht. Rohöl ist der gemeinsame Ausgangsstoff beider Kraftstoffe. Ein steigender Rohölpreis hebt Benzin und Diesel – er kann sie nicht auseinandertreiben. Wenn Diesel dem Benzin um 5 Cent davonläuft, muss die Ursache sortenspezifisch sein.
Dasselbe gilt für die Steuer. Zum 1. Juli sind beide Sorten fast identisch gesprungen: E10 um 10,0 Cent, Diesel um 10,4 Cent. Auch das ist kein Erklärungsansatz für eine Spreizung, die erst danach einsetzt.
Genau das macht den Sorten-Spread zu einer nützlichen Messgröße: Er rechnet alles heraus, was beide Kraftstoffe gleichermaßen betrifft – Rohöl, Steuer, Wechselkurs. Was übrig bleibt, ist der Unterschied zwischen den beiden Märkten.
Was auf dem Dieselmarkt passiert ist
Hier verlassen wir unsere eigenen Daten und stützen uns auf externe Quellen, denn zum Weltmarkt können wir nichts messen.
Die Analysten von S&P Global Energy CERA beziffern die Ausfälle in der russischen Raffineriekapazität nach den ukrainischen Drohnenangriffen für die Woche bis zum 10. Juli auf über 4 Millionen Barrel pro Tag – bei einer Gesamtkapazität von 6,9 Millionen Barrel. Am 8. Juli verhängte Russland ein Exportverbot für Diesel. Die Diesel-Futures an der NYMEX sprangen am selben Tag um 11,6 Prozent, der größte Tageszuwachs seit März 2022.
Für Europa ist das relevant, obwohl die EU seit 2023 keine russischen Raffinerieprodukte mehr importiert. Der Mechanismus verläuft indirekt: Russlands bisherige Abnehmer – Türkei, Brasilien, Ägypten, afrikanische Staaten – müssen sich anderweitig eindecken und konkurrieren dabei auf denselben Märkten, aus denen auch Europa importiert. Der Diesel-Crack am Handelsplatz Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen, also der Aufschlag des Dieselpreises auf das Rohöl, erreichte am 13. Juli mit 70,3 Dollar je Barrel den höchsten Stand seit dem 23. März.
Der zeitliche Zusammenhang mit unseren Zapfsäulendaten ist eng: Weltmarktbewegung ab dem 8. Juli, Divergenz an deutschen Tankstellen ab dem 9. Juli, Vorzeichenwechsel am 15. Juli.
Warum die Rohöl-Referenz derzeit zu kurz greift
Der ADAC hat das aktuelle Preisniveau als zu hoch bezeichnet und darauf verwiesen, dass der Rohölpreis die Aufschläge nicht vollständig rechtfertige. Das ist rechnerisch richtig – und wird trotzdem häufig falsch verstanden.
Denn daraus folgt nicht automatisch, dass an der Zapfsäule zu viel aufgeschlagen wird. Der maßgebliche Einkaufspreis für Diesel ist nicht Rohöl, sondern fertiger Diesel am ARA-Markt. Und der ist dem Rohöl davongelaufen. Wer die Marge gegen Brent misst, misst bei Diesel gerade die falsche Referenz – und schreibt eine Verknappung, die zwei Handelsstufen vor der Tankstelle entsteht, dem Tankstellenbetreiber zu.
Das ist kein Freispruch für die Branche. Es ist eine Aussage darüber, wo man hinschauen muss, wenn man die aktuelle Preisentwicklung verstehen will. Der Sorten-Spread ist dafür der direktere Indikator als der Vergleich mit dem Rohölpreis.
Methodik
Grundlage ist unser kontinuierliches Preis-Panel mit rund 430 Tankstellen, das seit April 2026 durchgehend erhoben wird. Für den Sortenvergleich wurden die 409 Stationen ausgewertet, die sowohl E10 als auch Diesel melden. Die Panel-Zusammensetzung war im gesamten Zeitraum vom 10. bis 19. Juli konstant – es gab keine Zu- oder Abgänge, die den Vorzeichenwechsel erklären könnten.
Den Befund haben wir gegen drei mögliche Einwände geprüft:
- Tageszeit: Beschränkt man die Auswertung auf das Vormittagsfenster von 10 bis 12 Uhr und klammert damit die bekannten Mittagsspitzen aus, bleibt der Kipptag derselbe.
- Autobahnstationen: Ein Ausschluss der Autobahnstationen verändert das Ergebnis nicht. Ihr Anteil liegt in unserem Panel bei 3,6 Prozent und damit unter dem bundesweiten Anteil – die Absolutniveaus in diesem Panel liegen also tendenziell eher unter als über dem Bundesdurchschnitt.
- Panel-Zusammensetzung: Auch auf exakt identischer Stationsmenge – denselben 409 Tankstellen an beiden Tagen – dreht der Spread vom 14. auf den 15. Juli von −0,7 auf +2,2 Cent. Dieselbe Tankstelle, zwei aufeinanderfolgende Tage: Diesel plus 6,7 Cent, E10 plus 3,7 Cent.
Es handelt sich um ein Panel, nicht um eine Vollerhebung aller rund 14.500 deutschen Tankstellen. Die Werte sind Tagesmittel über alle Messzeitpunkte und liegen daher etwas über den Vormittagspreisen. Die Angaben zu Weltmarkt, Raffineriekapazitäten und Terminmärkten stammen aus den genannten externen Quellen und sind keine eigenen Messungen.
Wie es weitergeht
Zwei Faktoren entscheiden über die weitere Entwicklung, und beide sind offen. Entspannt sich die Lage am Golf, dürfte der Rohölbasispreis nachgeben – das würde beide Sorten entlasten. Die Verknappung bei Diesel dagegen hält voraussichtlich länger an, solange die russischen Raffinerien ausfallen und Sanktionen den Zugang zu Ersatzteilen erschweren.
Für Autofahrer heißt das vor allem: Der Sortenvergleich lohnt sich derzeit mehr als sonst. Wer die Wahl hat, sollte sie neu rechnen – die gewohnte Faustregel, dass Diesel günstiger ist, gilt gerade nicht.
Wir beobachten den Spread weiter und melden uns, wenn sich das Verhältnis erneut dreht.
