Nur jede dritte Preiserhöhung ist regelkonform — unsere Analyse zu den 12-Uhr-Verstößen
Eine Datenrecherche des SWR hat diese Woche aufgedeckt: Rund 60.000 Preiserhöhungen an deutschen Tankstellen erfolgten in den ersten drei Aprilwochen außerhalb des erlaubten Zeitfensters. Wir haben unsere eigenen Daten ausgewertet — und können den Befund mit einem zweiten, unabhängigen Datensatz bestätigen. Und differenzieren.
Was das Gesetz vorschreibt
Seit dem 1. April 2026 gilt das Kraftstoffanpassungsgesetz (KPAnG): Tankstellen dürfen ihre Preise nur einmal täglich erhöhen — um 12:00 Uhr. Die Meldung an die Markttransparenzstelle (MTS-K) muss bis 12:05 Uhr erfolgen. Preissenkungen sind jederzeit erlaubt. Jede Erhöhung außerhalb dieses Fünf-Minuten-Fensters ist ein Verstoß.
Unsere Datenbasis
Wir haben 11.659 Preiserhöhungen (Diesel, >0,5 ct) an 434 Mustertankstellen über den gesamten April ausgewertet — vom 1. bis zum 29. April 2026. Jede einzelne Erhöhung wurde minutengenau einem Zeitfenster zugeordnet.
Das Ergebnis: Nur jede dritte Erhöhung ist regelkonform
| Zeitfenster | Status | Erhöhungen | Anteil |
|---|---|---|---|
| Vor 11:30 Uhr | ❌ Klar illegal | 0 | — |
| 11:30–11:55 Uhr | ❌ Frühstarter | 14 | 0,1 % |
| 11:55–12:00 Uhr | ⚠️ Grauzone | 5 | 0,04 % |
| 12:00–12:05 Uhr | ✅ Erlaubt | 4.095 | 35,1 % |
| 12:05–12:15 Uhr | ❌ Nachzügler | 7.225 | 62,0 % |
| 12:15–13:00 Uhr | ❌ Deutlich verspätet | ~280 | 2,4 % |
| Nach 13:00 Uhr | ❌ Klar illegal | ~16 | 0,1 % |
| Gesamt | 11.659 | 100 % | |
Die wichtige Differenzierung: Latenz oder Absicht?
Die Zahl klingt alarmierend — aber man muss ehrlich differenzieren. Der Großteil der Verstöße (7.225 von 7.540) fällt in das Fenster 12:05 bis 12:15 Uhr. Das sind Tankstellen, die vermutlich um 12:00 Uhr erhöhen, deren Meldung an die MTS-K aber 5 bis 10 Minuten braucht. Das kann an der Meldesoftware der Kassensysteme liegen — nicht zwingend an bewusster Regelumgehung.
Wiederholungstäter: Jeden Tag derselbe Verstoß
| Rang | Station | Verstöße | in 29 Tagen |
|---|---|---|---|
| 1 | Station A | 30 | = jeden Tag + 1× |
| 2 | Station B | 29 | = jeden einzelnen Tag |
| 3 | Station C | 29 | = jeden einzelnen Tag |
| 4 | Station D | 28 | = 97 % der Tage |
| 5 | Station E | 28 | = 97 % der Tage |
| … | Weitere 5 Stationen mit 28 Verstößen | ||
Diese Stationen erhöhen jeden Tag außerhalb des erlaubten Zeitfensters. Das Muster ist zu konsistent für zufällige technische Fehler. Entweder ist die Meldesoftware dauerhaft falsch konfiguriert — oder die Verspätung ist akzeptierte Praxis.
Die eindeutigen Fälle: Erhöhungen VOR 12 Uhr
19 Erhöhungen im April erfolgten vor 12:00 Uhr. Hier gibt es keine technische Erklärung — wer vor 12 Uhr erhöht, verstößt klar gegen das Gesetz. Zwei Stationen tauchen dabei mehrfach auf:
| Station | Frühstarter-Fälle | Bewertung |
|---|---|---|
| Station 8fdc… | 5× im April | Systematisch |
| Station 404b… | 4× im April | Systematisch |
| + 10 weitere Stationen mit je 1 Frühstart | ||
Eine Station, die an 5 von 29 Tagen vor 12 Uhr erhöht, handelt nicht versehentlich. Diese Fälle sind für die Aufsichtsbehörden am einfachsten nachzuweisen.
Hochrechnung: Unsere Zahlen vs. SWR
Unser Sample umfasst 434 von rund 15.000 Tankstellen in Deutschland. Hochgerechnet ergibt sich:
| Kennzahl | benzin.jetzt | SWR |
|---|---|---|
| Zeitraum | 1.–29. April (29 Tage) | 1.–21. April (21 Tage) |
| Tankstellen im Sample | 434 | ~15.000 |
| Verstöße gesamt | 7.540 (im Sample) | ~60.000 |
| Verstöße pro Tag (hochgerechnet) | ~8.978 | ~2.857 |
| Betroffene Tankstellen | SWR: ~3.800 (jede 4. Tankstelle) | |
Unsere Hochrechnung liegt über dem SWR-Wert. Das hat wahrscheinlich zwei Gründe: Erstens zählen wir auch das Fenster 12:05–12:10 als Verstoß, während der SWR möglicherweise einen größeren Puffer einräumt. Zweitens ist unser Sample nicht repräsentativ für alle 15.000 Stationen — die Hochrechnung ist eine Annäherung, kein exakter Wert. Die Größenordnung bestätigt sich aber klar: Tausende Verstöße pro Tag.
Das Gesamtbild: Form und Substanz
Die Timing-Verstöße sind nur ein Teil des Problems. Man muss sie im Kontext der Rekord-Margen sehen, die wir seit dem 1. April messen:
| Woche | Ø 12-Uhr-Spike (Diesel) | Brent Crude |
|---|---|---|
| 1 (08.–13.04.) | +7,1 ct | $98–107 |
| 2 (14.–17.04.) | +11,2 ct | $96 |
| 3 (18.–21.04.) | +12,2 ct | $90–95 |
| 4 (22.–29.04.) | +15,6 ct | $100–115 |
Der tägliche Mittagsaufschlag hat sich in vier Wochen mehr als verdoppelt — von 7 auf über 17 Cent. Am 29. April erreichte er einen neuen Rekord von +17,4 Cent — exakt in der Höhe des gerade beschlossenen Tankrabatts.
Was das für Verbraucher bedeutet
Die gute Nachricht: Die 12-Uhr-Regel hat den Markt berechenbarer gemacht. Wer vor 12 Uhr tankt, zahlt zuverlässig den günstigsten Tagespreis — das ist jetzt auch wissenschaftlich bestätigt (ZEW-Studie).
Die schlechte Nachricht: Die Regel wird weder zeitlich sauber eingehalten noch inhaltlich zurückhaltend genutzt. Solange die Zuständigkeit für die Ahndung von Verstößen zwischen Bund und Ländern ungeklärt ist — wie Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gegenüber dem SWR einräumten — gibt es de facto keine Konsequenzen.
Unsere Empfehlung bleibt: Zwischen 10:00 und 11:45 Uhr tanken, Preise vergleichen, und nicht darauf vertrauen, dass die Preise um Punkt 12:00 steigen — manche Stationen sind auch mal 10 Minuten früher oder später dran.
Datengrundlage benzin.jetzt: 11.659 Preiserhöhungen (Diesel, >0,5 ct) an 434 Mustertankstellen, 1.–29. April 2026. Quelle: Markttransparenzstelle für Kraftstoffe (MTS-K) beim Bundeskartellamt. Referenz SWR-Recherche: SWR Data Lab, Jan Russezki, Ina Kohler, Stephanie Jauss, Ulrich Lang, veröffentlicht am 29. April 2026.
