Kartellamtschef verspricht sinkende Preise — unsere Daten zeigen ein anderes Bild
Kartellamtschef verspricht sinkende Preise — unsere Daten zeigen ein anderes Bild
In einem Interview mit dem Handelsblatt (9. April) machte der Präsident des Bundeskartellamts eine klare Ansage: „Sinkende Rohölpreise sind ein klares Signal — und sie sollten sich auch zeitnah an der Zapfsäule widerspiegeln." Gleichzeitig verteidigte er die 12-Uhr-Regel, die seit dem 1. April in Kraft ist.
Wir wollten wissen: Stimmt das? Unsere Echtzeit-Analyse von über 500 Tankstellen im 5-Minuten-Takt zeigt ein differenziertes Bild.
Versprechen 1: „Sinkende Rohölpreise kommen zeitnah an"
Am Dienstagmorgen brach der Brent-Rohölpreis nach der Waffenstillstands-Ankündigung zwischen den USA und dem Iran von 94 auf unter 81 Euro pro Barrel ein — ein Rückgang von über 14 Prozent innerhalb weniger Stunden. Am Mittwoch stieg er bereits wieder auf 84,46 Euro.
Und an der Zapfsäule? Der bundesweite Diesel-Durchschnitt liegt heute bei 2,364 Euro. Vor dem Rohölpreis-Einbruch lag er bei 2,38 Euro. Das ist ein Rückgang von weniger als 2 Cent — bei einem Rohölpreis-Einbruch von über 14 Prozent.
Das Muster hat einen Namen: der Raketen-Feder-Effekt. Steigende Rohstoffpreise werden von den Konzernen innerhalb von Stunden an die Zapfsäule weitergegeben — wie eine Rakete. Sinkende Preise dagegen nur langsam, wie eine Feder im Wind. Das Bundeskartellamt selbst hat diesen Effekt in seiner Sektoruntersuchung dokumentiert. Dass er jetzt wieder auftritt, überrascht nicht — aber es widerspricht der Erwartung, dass die Preise „zeitnah" sinken.
Versprechen 2: „Die 12-Uhr-Regel zahlt sich noch aus"
Hier ist das Bild differenzierter — und tatsächlich geben unsere Daten dem Kartellamtschef teilweise Recht.
Der 12-Uhr-Spike — also der Preissprung, den die Tankstellen um Punkt 12:00 Uhr vornehmen — ist von über 11 Cent in der ersten Woche auf 5,2 Cent am 9. April gesunken. Das ist eine echte Verbesserung. Wer vormittags zwischen 10 und 11 Uhr oder abends ab 20 Uhr tankt, spart tatsächlich mehrere Cent pro Liter.
Aber: Die Regel hat das absolute Preisniveau nicht gesenkt. Diesel kostet heute so viel wie vor einer Woche — trotz eines Rohölpreis-Einbruchs um 14 Prozent. Die 12-Uhr-Regel macht den Tagesverlauf berechenbarer. Sie ist ein Transparenz-Werkzeug, keine Preisbremse.
Was das Kartellamt kann — und was nicht
Mundt sagt: „Wir sind keine Preisregulierungsbehörde." Das stimmt. Das Kartellamt kann keine Preise festsetzen. Aber es kann sicherstellen, dass der Wettbewerb funktioniert. Und genau hier wird es spannend.
Seit der 12-Uhr-Regel gilt auch die Beweislastumkehr: Nicht mehr das Kartellamt muss nachweisen, dass die Margen zu hoch sind — die Konzerne müssen belegen, dass ihre Preise gerechtfertigt sind. In der Praxis ist das schwer durchzusetzen. Aber die Daten, die wir täglich erheben, könnten genau das Werkzeug sein, das die Behörde braucht.
Denn die Preiserhöhungen um 12 Uhr sind nicht bei allen Marken gleich. Während manche Tankstellenketten den Preis um 5 Cent anheben, gehen andere um 15, 20 oder sogar 30 Cent nach oben. Die Frage, die sich stellt: Warum erhöht Greenline um 30 Cent, während JET mit 5 Cent auskommt? Genau diese Transparenz kann der Wettbewerb schaffen, den das Kartellamt fordert.
Unser Fazit: Mundt hat halb recht
Die 12-Uhr-Regel zeigt Wirkung. Sie macht den besten Tankzeitpunkt berechenbar und reduziert die Anzahl der täglichen Preissprünge. Dafür wurde sie eingeführt, und das funktioniert.
Aber die Erwartung, dass sinkende Rohölpreise „zeitnah" an der Zapfsäule ankommen, ist Stand heute nicht erfüllt. Der Brent-Preis ist in zwei Wochen um über 15 Prozent gefallen — davon sind an der Zapfsäule weniger als 1 Cent angekommen.
Wir werden in den kommenden Wochen weiter messen, wie schnell — oder langsam — die Konzerne die Rohölpreis-Senkung an die Verbraucher weitergeben. Alle Daten veröffentlichen wir täglich auf unserer Livedaten-Seite.
Was du als Verbraucher tun kannst
Unabhängig davon, was das Kartellamt tut oder verspricht — es gibt klare Sparregeln, die jetzt sofort funktionieren:
Vormittags tanken: Zwischen 10 und 11 Uhr sind die Preise am niedrigsten. Um 12:00 Uhr kommt die einzige Erhöhung des Tages.
Abends tanken: Ab 20 Uhr erreichen die Preise typischerweise ihr Tagestief.
Autobahn meiden: Auf der Autobahn zahlst du beim Diesel aktuell im Schnitt 2,81 Euro — das sind 45 Cent mehr als abseits der Autobahn. Bei 50 Litern sind das über 22 Euro Unterschied.
Preise vergleichen: Allein innerhalb einer Stadt wie Hamburg liegen zwischen der günstigsten und teuersten Tankstelle 39 Cent Unterschied. benzin.jetzt zeigt dir in Echtzeit, wo du am günstigsten tankst.
