Neues Kartellrecht gegen Spritpreis-Abzocke: Was sich für Autofahrer ändert — und was nicht
Die Bundesregierung hat ein verschärftes Kartellrecht auf den Weg gebracht. Der Kern: Tankstellen dürfen ihre Preise künftig nur noch einmal am Tag um 12 Uhr erhöhen. Senken ist jederzeit erlaubt. Dazu kommt eine Beweislastumkehr — Ölkonzerne müssen künftig selbst belegen, dass ihre Preiserhöhungen gerechtfertigt sind. Das Gesetz soll noch vor Ostern greifen. Eine Einordnung — mit Echtzeitdaten aus über 3.300 Tankstellen.
Hintergrund ist ein ausführlicher Bericht der ZEIT über die geplanten Maßnahmen. Auslöser: Der Irankrieg, die Blockade der Straße von Hormus — und der Vorwurf, dass Ölkonzerne die Krise zur „Abzocke" nutzen. Deutschland ist laut Monopolkommission beim Spritpreis-Anstieg EU-Spitzenreiter.
Was sich konkret ändert
Die 12-Uhr-Regel: Tankstellen dürfen den Preis nur noch einmal pro Tag erhöhen — um 12:00 Uhr mittags. Preissenkungen bleiben jederzeit möglich. Das Muster wird also vorhersehbar: Morgens bis 12 Uhr der günstigste Preis, danach die Erhöhung, ab Nachmittag schrittweise Senkung durch Wettbewerb. Wer abends tankt, tankt am günstigsten. Das kennt man bereits aus Österreich, wo die Regel seit 2011 gilt.
Beweislastumkehr: Bisher musste das Bundeskartellamt beweisen, dass Preise unangemessen hoch sind. Künftig müssen die Konzerne selbst belegen, dass ihre Erhöhungen sachlich gerechtfertigt sind. Vorbild sind bestehende Regelungen im Strom- und Gasmarkt.
Bußgelder bis 100.000 Euro: Wer gegen die 12-Uhr-Regel verstößt, kann sanktioniert werden. Die Bundesländer sollen für die Durchsetzung zuständig sein.
Was unsere Daten über den Markt verraten
Wir analysieren in Echtzeit die Preise von über 3.300 Tankstellen in 61 deutschen Großstädten. Die Daten zeigen, warum der Gesetzgeber handelt — und wo die Grenzen des neuen Gesetzes liegen.
66 Cent Preisschere — das bedeutet: Für denselben Diesel, der überall die gleiche EU-Norm erfüllt, zahlt man an einer Tankstelle 2,089 Euro und an einer anderen 2,749 Euro. Bei einer 50-Liter-Tankfüllung sind das 33 Euro Unterschied — allein durch die Wahl der Tankstelle.
47 Cent Autobahn-Aufpreis: An Autobahntankstellen zahlt man im Schnitt fast 50 Cent mehr als im Stadtgebiet. Bei einer Tankfüllung sind das über 23 Euro Mehrkosten. Die 12-Uhr-Regel wird daran nichts ändern — die Autobahn-Abzocke ist ein strukturelles Problem, kein Timing-Problem.
Was das Gesetz löst — und was nicht
Was besser wird: Die 12-Uhr-Regel macht den Tagesverlauf vorhersehbar. Autofahrer können morgens zum garantiert niedrigen Preis tanken und wissen, dass die Erhöhung erst um 12 Uhr kommt. Das beendet das nervige Ratespiel mit den Preisschwankungen — aktuell ändern Tankstellen ihre Preise oft mehrmals pro Stunde.
Was bleibt: Die Preisunterschiede zwischen Marken verschwinden nicht. Unsere Analyse zeigt systematisch 10 Cent Unterschied zwischen der teuersten und der günstigsten Marke — bei identischer Kraftstoffqualität. ARAL, Shell und ESSO bleiben teurer als freie Tankstellen, JET, Star oder Supermarkt-Tankstellen. Daran ändert das Gesetz nichts.
Was offen bleibt: Das Gesetz ist zeitlich befristet. Nach dem Sommer will die Bundesregierung die Wirksamkeit prüfen. Ob die Beweislastumkehr tatsächlich zu niedrigeren Preisen führt, ist unklar — die Konzerne haben Heerscharen von Anwälten, die Preiserhöhungen „sachlich begründen" können.
Was Autofahrer jetzt tun können
Morgens tanken: Sobald die 12-Uhr-Regel gilt, ist der beste Tankzeitpunkt klar: vor 12 Uhr. Bis dahin gelten die über Nacht gesunkenen Preise. benzin.jetzt zeigt schon jetzt einen Countdown bis 12 Uhr und eine Tankempfehlung, die das neue Muster berücksichtigt.
Marke hinterfragen: Die Kraftstoffqualität ist per EU-Norm identisch. Wer statt ARAL oder Shell bei einer freien Tankstelle oder Supermarkt-Tankstelle tankt, spart im Schnitt 10 Cent pro Liter — das sind 5 Euro pro Tankfüllung, und das bei jedem einzelnen Tankvorgang.
Autobahn meiden: Wer ein paar Minuten vor der Auffahrt tankt statt an der Raststätte, spart aktuell über 23 Euro pro Füllung. Dieser Aufpreis ist unabhängig von der 12-Uhr-Regel.
„Das neue Gesetz ist ein wichtiger Schritt — aber es ist kein Ersatz für den eigenen Preisvergleich. Die 12-Uhr-Regel macht das Timing einfacher, aber die Wahl der richtigen Tankstelle bleibt entscheidend. Zwischen der teuersten und der günstigsten Tankstelle liegen 66 Cent pro Liter. Das sind 33 Euro pro Tankfüllung. Das ändert kein Gesetz." Oliver Wagner, Gründer von benzin.jetzt
Methodik
Die Analyse basiert auf den Echtzeit-Preismeldungen der Markttransparenzstelle für Kraftstoffe (MTS-K) beim Bundeskartellamt. Am 24. März 2026 wurden 3.346 Diesel-Tankstellen und 3.248 E10-Tankstellen in 61 deutschen Großstädten ausgewertet. Die vollständige Echtzeit-Analyse mit Marken-Ranking und Autobahn-Aufpreis ist auf dem benzin.jetzt Tankstellen-Pranger verfügbar.
Quelle für die geplanten Gesetzesänderungen: DIE ZEIT, 15. März 2026.
