Zwei Methoden, ein Ergebnis: Wie ifo und benzin.jetzt unabhängig voneinander den Tankrabatt vermessen
Seit dem 1. Mai 2026 senkt die Bundesregierung die Energiesteuer auf Diesel und Benzin um 16,7 Cent pro Liter. Die zentrale Frage seitdem: Kommt diese Senkung tatsächlich an der Zapfsäule an?
Heute hat das Münchner ifo-Institut seine ersten Zahlen veröffentlicht. Die Antwort lautet: nur teilweise. Beim Diesel sind in den ersten Tagen rund 4 bis 5 Cent von 17 angekommen, bei Superbenzin etwa 12 Cent. Im Tagesdurchschnitt entspricht das einer Weitergabequote von rund 29 % beim Diesel und 71 % beim Super.
Wir haben dieselbe Frage parallel mit eigener Methode untersucht — und landen bei derselben Zahl. Im Tagesdurchschnitt zeigen unsere Daten eine Diesel-Weitergabe von rund 29 %.
Das klingt selbstverständlich. Ist es nicht.
Zwei sehr unterschiedliche Wege
Der ifo-Ansatz: Vergleich mit Frankreich
Das ifo-Institut nutzt einen sogenannten Differenz-in-Differenzen-Ansatz. Es vergleicht die Spritpreis-Entwicklung in Deutschland mit der in Frankreich. Frankreich dient dabei als Kontrafaktum — als Antwort auf die Frage: Wie hätten sich die Preise in Deutschland entwickelt, wenn es den Tankrabatt nicht gäbe? Da Frankreich keine vergleichbare Maßnahme eingeführt hat, lässt sich aus dem Auseinanderdriften beider Preisreihen die isolierte Wirkung der deutschen Steuersenkung ablesen.
Stichtag der Bereinigung: der 23. April — der Tag vor dem Bundestagsbeschluss. Gemessen werden Tagesdurchschnittspreise im Zeitfenster zwischen 6 und 22 Uhr, gewichtet mit der Geltungsdauer pro Tankstelle.
Der benzin.jetzt-Ansatz: Brent-Bereinigung im Minutentakt
Wir messen kontinuierlich an über 14.500 deutschen Tankstellen — minutengenau, jeden Tag, rund um die Uhr. Statt mit Frankreich zu vergleichen, bereinigen wir die Preisbewegungen um den parallelen Brent-Rohölpreis-Verlauf. Seit dem 30. April ist Brent um 5,8 % gefallen. Diesen Anteil ziehen wir von der Preisbewegung an deutschen Tankstellen ab — übrig bleibt das, was tatsächlich auf die Steuersenkung zurückgeht.
Was beide Ansätze gemeinsam haben
Die deutsche Datenbasis. Wir und das ifo greifen auf dieselbe Rohdatenquelle zu — die Markttransparenzstelle des Bundeskartellamts, abgerufen über die Tankerkönig-Schnittstelle. Alles andere ist methodisch verschieden:
| ifo Tankrabatt-Tracker | benzin.jetzt Steuer-Monitor | |
|---|---|---|
| Bereinigungslogik | Frankreich als Kontrafaktum | Brent-Ölpreis-Korrektur |
| Zeitliche Auflösung | Tagesdurchschnitt (6–22 Uhr) | Minutengenau, intraday |
| Stichtag | 23. April 2026 | 30. April 2026 |
| Datenquelle DE | Tankerkönig / Bundeskartellamt | Tankerkönig / Bundeskartellamt |
| Datenquelle Vergleich | Le prix des carburants (FR) | OilPriceAPI (Brent) |
Das Ergebnis stimmt überein
| Diesel | ifo (4-Tage-Schnitt) | benzin.jetzt (Tagesdurchschnitt) |
|---|---|---|
| Weitergegebene ct | ~5 ct | ~4,8 ct |
| Anteil von 16,7 ct | ~29 % | ~29 % |
Zwei Methoden, einmal Frankreich-Vergleich, einmal Brent-Bereinigung — gleiche Antwort. In der empirischen Forschung nennt man das methodische Konvergenz: Wenn zwei unabhängige Wege zum selben Ergebnis kommen, ist das Ergebnis vertrauenswürdiger als jedes der beiden Verfahren für sich allein. Es ist ein starkes Indiz dafür, dass keiner der beiden Ansätze einen systematischen Fehler hat — sonst würden sie auseinanderlaufen.
Wo unsere Daten weitergehen
29 % Tagesdurchschnitt — das ist der Mittelwert über zwei sehr verschiedene Phasen des Tages. Hier zeigt sich der Unterschied zwischen einer Methodik, die mit Tagesdurchschnitten arbeitet, und einer, die den Tag intraday auflöst.
Vor dem täglichen 12-Uhr-Spike — in der Vormittagsphase, in der die Tankstellen ihre Preise gemäß der seit April 2026 geltenden 12-Uhr-Regel nur noch einmal pro Tag erhöhen dürfen — kommen rund 62 % der 16,7 Cent beim Verbraucher an. Brent-bereinigt: 46 %.
Im Tagesdurchschnitt — also über sämtliche Tankzeitpunkte gemittelt — sind es nur noch 29 %. Brent-bereinigt: 13 %.
Daraus folgt rechnerisch: Im Nachmittagsbereich nach dem Spike fällt die Weitergabe gegen null oder darunter. Wer nachmittags zur Zapfsäule fährt, sieht oft Preise auf Vor-Steuersenkungs-Niveau. Die Steuersenkung ist dort kaum oder gar nicht mehr zu spüren.
Genau deshalb landet das ifo-Verfahren bei einem Tagesdurchschnitt von 29 %: weil der mittägliche Preissprung den vormittäglichen Vorteil im Tagesmittel halbiert. Unsere intraday-Daten erklären, wo dieser Mittelwert herkommt — und dass er aus zwei sehr unterschiedlichen Tageshälften besteht.
Was das für Autofahrer:innen heißt
Die praktische Konsequenz aus zwei voneinander unabhängigen Datenreihen ist die gleiche: Wer von der Steuersenkung wirklich profitieren will, muss vormittags tanken. Idealerweise zwischen 10 und 11 Uhr — direkt vor dem Spike, wenn die Preise nach dem Vorabend nur gefallen sein können.
Wer nachmittags zur Zapfsäule fährt, zahlt im Schnitt fast so viel wie vor der Steuersenkung. Das ist keine Spritspar-Folklore mehr, sondern ein Befund, der von zwei unabhängigen Messverfahren gleichermaßen gestützt wird.
Was als Nächstes kommt
Das ifo wird seine Tracker-Zahlen jeden Werktag aktualisieren. Wir tun dasselbe — täglich, intraday, in Echtzeit. Beide Datenreihen lassen sich gegeneinander prüfen.
Es wird interessant zu sehen, ob die Konvergenz beider Methoden bestehen bleibt, wenn sich der Markt in den kommenden Wochen einpendelt. Verändert sich die Spike-Höhe? Fließen Ölpreis-Bewegungen schneller in die Pumpenpreise ein als bisher? Setzen sich Preisbildungsmuster langfristig durch, die das Frankreich-Modell nicht mehr abbilden kann? All das werden die nächsten Wochen zeigen.
Was sich heute schon sagen lässt: Hochfrequenz-Daten leisten etwas, das der einmal-tägliche Mittelwert nicht kann — sie zeigen den Tag, nicht nur den Tagesschnitt. Die Steuersenkung wirkt. Aber sie wirkt vor 12 Uhr deutlich anders als danach.
